Transmission

Kapitel 0: Evolution

Der Mensch brauchte siebenhundert Jahre, um das eigene Sonnensystem leerzuräumen, und weitere zwei Wochen, um sich einig zu werden, dass jetzt die Sterne dran waren. Möglich machte das eine indische Wissenschaftlerin namens Desna Singh, die auf drei Blatt Papier bewies, dass man sich mit genug Schwerkraft durch Dimensionen ziehen lassen kann, die kein Mensch je sehen wird. Sie selbst nannte das Prinzip nüchtern den „dimensionalen Gravitationstrichter“. Die Presse nannte es „Raumtauchen“, weil es aussah, als würde ein Raumschiff in einem unsichtbaren Ozean ertrinken. Das traf es, wie sich zeigen sollte, ziemlich gut.


Der erste Mensch, der raumtauchte, war der Spanier Soledad Ruiz. Er wird bis heute vermisst. Man geht davon aus, dass er sich irgendwo zwischen Andromeda und Kassiopeia befindet, treibend, tot, mindestens jedoch ziemlich sauer. Öffentlich nannte man das ein „Anlaufproblem“. Die Kirche nannte es ein Wunder. Ruiz‘ Mutter nannte es laut Gerichtsprotokoll „eine Frechheit“ und bekam dafür postwendend ihre Rente gestrichen.


Sieben Jahre und ein paar tausend nachgebesserte Formeln später traf man den ersten Planeten zielgenau. Kommandant Fletcher betrat ihn als erster Mensch, holte tief Luft, öffnete den Mund zu den historischen ersten Worten der interstellaren Zeitrechnung – und wurde von einer Lawine begraben, bevor er über das zweite Wort hinauskam. Man benannte den Berg nach ihm. Was er sagen wollte, weiß niemand mehr. Die offizielle Gedenktafel trägt deshalb nur ein Wort: „Hier.“


Der zweite Planet, Bravo, war schön, grün, voller Flüsse – und voller seltener Erden. Es dauerte dreißig Jahre, ihn in eine tote, graue Fläche zu verwandeln, aus der man jetzt Akkus baute. Niemand nannte das eine Tragödie. Man nannte es Quartalszahlen.


Der dritte Planet bekam den Spitznamen Papa Charlie, weil „Planet C“ sich anhörte, als hätte man sich nicht mal die Mühe gemacht, sich Mühe zu geben. Er war warm, feucht und grün – perfekt zum Anbauen von allem, was die achtzehn Milliarden Mägen der Erde noch brauchten, seit man dort offiziell alles aß, was nicht schnell genug wegrannte. Auf den Straßen sangen Kinder Reime über Omas, die abends starben und morgens als Fritten mit Aroma wieder auftauchten. Niemand fand das komisch. Es war ja auch keine Übertreibung.


Man teilte Papa Charlie in Kontinente auf und benannte sie, wie man eben Dinge benennt, wenn Wissenschaftler das letzte Wort haben: den großen, fruchtbaren mit dem hoffnungsvollen Namen Eden. Den trockenen, unwirtlichen östlich davon nach dem, was der zuständige Geologe sagte, als man ihn fragte, was man mit dieser Müllhalde von Kontinent anfangen solle. Sein Kommentar war kurz, deutlich, und wurde nie wieder aus den amtlichen Karten entfernt: Fakdisland.


Auf Eden sollte alles beginnen. Auf Eden sollte auch fast alles enden.